{"id":246,"date":"2019-02-28T13:42:25","date_gmt":"2019-02-28T13:42:25","guid":{"rendered":"http:\/\/neckar-donau-wegekreuz.de\/?page_id=246"},"modified":"2020-03-25T18:13:03","modified_gmt":"2020-03-25T18:13:03","slug":"weitere-zeitzeugenberichte-zur-raeumung-des-ortes","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/neckar-donau-wegekreuz.de\/?page_id=246","title":{"rendered":"Weitere Zeitzeugenberichte zur R\u00e4umung des Ortes"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Paul Mesli, Zeitzeuge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Vertreibung der Filipowaer aus ihren H\u00e4usern und ihrem Heimatort sowie das Ende von Filipowa als einer donauschw\u00e4bischen Gemeinde nach \u00fcber 180 Jahren sind im Tagebuch von Paul Mesli (1907 bis 1995) beschrieben, das er aus allen Gefahren des Lagerlebens in die Freiheit retten konnte.  Demnach versammelten sich am 31. M\u00e4rz 1945 etwa 200 Partisanen bei der Dreifaltigkeitss\u00e4ule in der Ortsmitte. In der Kirche feierten Pfarrer Peter M\u00fcller und mehrere Priester, die mit ihren Gemeinden wenige Tage zuvor nach Filipowa getrieben worden waren, die Karsamstagsliturgie. Pl\u00f6tzlich rief jemand in die Kirche hinein: \u201eWir werden vertrieben.\u201c  Partisanenkommandant Sekic trieb die Leute aus der Kirche, die verzweifelt nach Hause liefen. Anschlie\u00dfend verteilten sich die Partisanen in f\u00fcnf Kolonnen auf die f\u00fcnf langen Gassen von  Filipowa und begannen vom s\u00fcdlichen Ortsende aus die Leute aus den H\u00e4usern zu treiben \u2013  sowohl die Filipowaer wie auch die einige Tage  zuvor hergetriebenen Karawukowaer und Batsch-Sentiwaner. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" width=\"867\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/neckar-donau-wegekreuz.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Leicht-Vertreibung-867x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-565\"\/><figcaption>Sebastian Leicht: Vertreibung. Archiv Freundeskreis der Filipowaer<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Was sich dann ereignete, beschrieb Mesli folgenderma\u00dfen:<em> &#8222;Die Leute kamen mit B\u00fcndeln auf den R\u00fccken, mit Schubkarren und Kinderwagen, alles vollbeladen, und die Partisanen trieben sie brutal wie eine Herde vor sich her. Immer dichter wurde der Zug auf der Gasse, auf dem Fahrweg. Es waren die Leute aus allen H\u00e4usern der Unteren Kirchgasse. Sie zerrten sich ab an ihren letzten Habseligkeiten, die sie sich von daheim noch mitnehmen durften, dazu kamen noch die kleinen Kinder. \u2013 Ein unerh\u00f6rtes Elend, Partisanen boxten an ihnen herum, gaben ihnen Hiebe mit dem Gewehrkolben und \u00fcbten ihre Rache an unschuldigen Menschen. So haben wir als Augen und Ohrenzeugen die Vertreibung miterlebt; wir durften aber unser Lager in der Schule nicht verlassen, um unseren Familien in dieser schweren Stunde beizustehen. Wir waren zur Unt\u00e4tigkeit verurteilte Zeugen des Unterganges unserer Heimatgemeinde Filipowa.&#8220; <\/em>Anschlie\u00dfend trieb man die Menschen auf die Hutweide, wie man sonst die K\u00fche der Hutweide zutrieb. Mesli, der zusammen mit anderen M\u00e4nnern im Schulraum  interniert war, musste dabei mitansehen, wie  seine Familie vertrieben wurde:<em> &#8222;Mitten auf dem Fahrweg, unter der Menschenmenge, sah ich meine Frau mit dem Kinderwagen mit der sieben Monate alten Gerlinde und einem B\u00fcndel  Sachen auf dem Wagen. [Mein Sohn] Hans ging nebenher und trug ein B\u00fcndel auf dem R\u00fccken. [\u2026] Ich glaube, es kann einem Vater nichts Schlimmeres zusto\u00dfen, als auf diese Weise der eigenen Familie beraubt zu werden.&#8220;<\/em><br>Quelle: Paul Mesli,  Franz Schreiber,  Georg Wildmann (Hrsg.): Filipowa \u2013 Bild einer donauschw\u00e4bischen Gemeinde. Sechster Band: Kriegs- und Lageropfer, Wien 1985.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der damals 13-j\u00e4hrige Josef Franz Thiel beschrieb die dramatischen Ereignisse folgenderma\u00dfen:  <\/strong>                                                                                                                                 <em>&#8222;Als ich gegen halb acht mit dem Weiheholz auf die Gasse ging, kam mir ein Partisan mit dem Gewehr in der Hand entgegen und schrie mir immer wieder zu: \u201ePet minuta!\u201c \u2013 \u201ef\u00fcnf  Minuten!\u201c  Ich lief zu meiner Mutter und sagte ihr, da\u00df drau\u00dfen ein Partisan herumschreie, da\u00df wir in f\u00fcnf Minuten das Haus zu verlassen  h\u00e4tten. Da wir am Dorfende, Richtung Odschag wohnten, von woher die Partisanen am Morgen einmarschiert waren, hatten wir als Erste unsere H\u00e4user zu verlassen. Meine Mutter vergewisserte sich, ob dem auch wirklich so sei. Dann lief sie schnell und holte meine kleinen Geschwister aus den Betten; Wawi zog die drei kleinen Schwestern an. Mein Bruder Franz war erst neun Monate alt; er schlief noch in der Wiege weiter. Meine Mutter wies mir meinen Rucksack zu, in dem Kleider und Lebensmittel waren. Sie lie\u00df mich in der Kammer einen gro\u00dfen Schinken holen, um ihn in einen soliden Weizensack zu stecken und mitzunehmen. Inzwischen stand der Partisan schon auf unserem Gang und schrie immer wieder: \u201ePet minuta!\u201c Als er sah, wie Mutter sechs Kinder zu versorgen hatte, wurde er ruhig und ging wieder auf die Stra\u00dfe, wo er weiterschrie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p> <em>Nachdem meine Mutter sich versichert hatte, da\u00df jedes Kind seinen Rucksack hatte und Wawi neben ihrem Rucksack auch die gro\u00dfe Tasche mit Lebensmitteln und einigen T\u00f6pfen trug, h\u00e4ngte sie sich zwei S\u00e4cke mit Kleidern und Windeln um und nahm Franz aus der Wiege. Meine j\u00fcngere Schwester Notburga, sie war fast vier Jahre alt, trug einen kleinen Rucksack mit ihrer Puppe und etwas Kleidung. Hedwig war schon sechs Jahre alt; sie mu\u00dfte alle ihre Kleider selbst tragen. Eva war neun Jahre, sie war ein schw\u00e4chliches Kind. Mutter hatte ihr nicht mehr als ihre Kleidung  zugemutet. Jetzt verlie\u00dfen wir gemeinsam f\u00fcr  immer unser Haus. Zwei H\u00e4user weiter gab es gro\u00dfe Aufregung, weil der alte Vater Johler \u2013 die beiden Johler-Priester waren seine S\u00f6hne \u2013 krank  war und nicht gehen konnte. Frau und Kinder mu\u00dften ihn zur\u00fcck  lassen. Er starb wenige Taqe sp\u00e4ter im Notspital der Nonnen.   <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Zug kam nur schleppend voran. Immer wieder gab es in den H\u00e4usern kranke und alte nicht gehf\u00e4hige Menschen. Fast alle mu\u00dften dennoch von den Angeh\u00f6rigen mitgenommen werden. Dann gab es auch  die hochschwangeren Frauen oder solche mit mehreren kleinen Kindern. Manche Menschen reagierten ganz irrational auf die Vertreibung: Sie weinten und schrien, warfen sich zu Boden und wollen ihre H\u00e4user nicht verlassen. Die Partisanen aber waren brutal: Sie pr\u00fcgelten sie mit dem Gewehrkolben zu den anderen auf die Strasse und weiter auf die Hutweide (\u2026).  In meinem Leben bin ich oft mit dem Tod und Leid konfrontiert worden, aber in meiner Erinnerung  war kein Erlebnis  derart von Trauer und Hoffnungslosigkeit  gepr\u00e4gt wie unser Zug der Ausgetriebenen von Filipowa.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Quelle:Josef Franz Thiel:Fremd.zu Hause-eine donauschw\u00e4b. Kindheit1932-1947<br>\nVgl. dazu: Georg Wildmann: Die Opfer der Ru\u00dflandverschleppung. \u2013 In: Paul Mesli \/ Franz Schreiber \/ Georg Wildmann (Hg.): Filipowa \u2013 Bild einer donauschw\u00e4bischen Gemeinde. Sechster Band: Kriegs- und Lageropfer, Wien 1985, <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Mesli, Zeitzeuge Die Vertreibung der Filipowaer aus ihren H\u00e4usern und ihrem Heimatort sowie das Ende von Filipowa als einer donauschw\u00e4bischen Gemeinde nach \u00fcber 180 Jahren sind im Tagebuch von Paul Mesli (1907 bis 1995) beschrieben, das er aus allen Gefahren des Lagerlebens in die Freiheit retten konnte. Demnach versammelten sich am 31. 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