{"id":2529,"date":"2021-06-22T12:07:38","date_gmt":"2021-06-22T12:07:38","guid":{"rendered":"http:\/\/neckar-donau-wegekreuz.de\/?page_id=2529"},"modified":"2021-06-24T07:31:54","modified_gmt":"2021-06-24T07:31:54","slug":"die-vertreibung-bericht-dr-georg-wildmann","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/neckar-donau-wegekreuz.de\/?page_id=2529","title":{"rendered":"Vertreibung &#8211; Bericht Dr. Georg Wildmann"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Vertreibung aus Filipowa<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dokumentation von Dr. Georg Wildmann<\/strong><\/p>\n<p>Vor Beginn des Jugoslawienkrieges 1941 wurden vier f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten der Ortsgruppe des <br>Schw\u00e4bisch-Deutschen Kulturbundes von den jugoslawischen Beh\u00f6rden als Geiseln in die Festung<br>Peterwardein verschleppt; in anderen Orten vergleichbarer Gr\u00f6\u00dfe lag die Zahl der Geiseln meist h\u00f6her. <br>Zur Entwaffnung jugoslawischer Soldaten durch die aufgestellte B\u00fcrgerwehr kam es nicht. Das <br>ungarische Milit\u00e4r konnte den Ort kampflos besetzen. Einige junge Burschen verlie\u00dfen im Herbst 1940 <br>aus Begeisterung f\u00fcr das deutsche Soldatentum heimlich den Ort und stellten sich den deutschen Stellen <br>in Belgrad zur Verf\u00fcgung. Die Waffen-SS-Aktionen der Jahre 1942, 1943 und 1944 f\u00fchrten zu <br>beachtlichen Gegens\u00e4tzen und einigen Ausschreitungen zwischen der Gruppe derer, die der Aktion <br>Folge leisteten und der Gruppe jener, die sich ihr entzogen. Der Krieg s\u00e4te also Zwietracht in das bislang <br>friedliche Dorfleben. Die Zahl der Filipowaer Burschen und M\u00e4nner, die im Zweiten Weltkrieg beim <br>ungarischen und deutschen Milit\u00e4r Dienst taten, d\u00fcrfte mit 900 angenommen werden. Von ihnen sind <br>165 gefallen, im Lazarett oder in der Gefangenschaft gestorben, w\u00e4hrend 67 als vermisst gelten. Der <br>milit\u00e4rische Einsatz forderte insgesamt 232 Opfer. Von den gefallenen oder im Lazarett verstorbenen <br>Soldaten haben nur zehn auf dem Gebiete des heutigen Jugoslawien ihre letzte Ruhest\u00e4tte gefunden, <br>w\u00e4hrend in Russland, Finnland, Rum\u00e4nien und Ungarn 107 begraben sind.<\/p>\n<p>Als es in der Batschka zu gelegentlicher kleiner Partisanent\u00e4tigkeit kam, die vornehmlich in <br>Brandanschl\u00e4gen auf Hanftristen und Hanfaufbereitungsbetrieben bestand, wurde auch in Filipowa eine <br>Flurwache eingerichtet, die nachts Patrouilleng\u00e4nge im Hotterbereich zu unternehmen hatte. Es fand <br>aber keine Konfrontation mit Partisanen statt. Diese unternahmen lediglich im Jahre 1943 einen <br>n\u00e4chtlichen \u00dcberfall auf die Eisenbahnstation, die am Rande des Ortes lag. Personen kamen dabei nicht <br>zu Schaden.<\/p>\n<p>Als die Angriffskeile der Roten Armee am 4. Oktober 1944 \u00fcber die Thei\u00df vorstie\u00dfen, erlie\u00df die <br>Gebietsf\u00fchrung des Volksbundes Aufrufe zur Flucht. Der &#8222;Kleinrichter&#8220; trommelte den Aufruf noch am <br>selben Tage aus. Es konnten sich indes blo\u00df 115 Familien bzw. 510 Personen zum Verlassen ihrer <br>Heimat entschlie\u00dfen. Mit 10 Prozent der Einwohnerschaft entf\u00e4llt auf Filipowa die geringste Fluchtrate <br>des Bezirkes Hodschag. Die Evakuierungswilligen verlie\u00dfen zwischen 12. und 15. Oktober mit etwa <br>100 Pferdefuhrwerken und einigen Zugmaschinen den Ort.<\/p>\n<p>Ihr Fluchtweg f\u00fchrte zun\u00e4chst bis Baja. Hier setzte man \u00fcber die Donau und erreichte \u00fcber F\u00fcnfkirchen <br>schlie\u00dflich den Plattensee. Der weitere Weg f\u00fchrte \u00fcber \u00d6denburg nach Wiener Neustadt. Hier trennten <br>sich die Wege der Fl\u00fcchtigen. Ein Teil gelangte \u00fcber St. P\u00f6lten, Br\u00fcnn und Zwittau nach Hohenstadt <br>und von da per Eisenbahn samt Fuhrwerken bis Breslau. Auch die andere Gruppe gelangte vom <br>m\u00e4hrischen Nikolsburg per Eisenbahn bis Anfang Dezember 1944 nach Breslau, um hier verteilt zu <br>werden. Sie alle traten Anfang Januar 1945 von neuem die Flucht vor der herannahenden Front an. Viele <br>erlebten das Kriegsende im Egerland. Ein Teil der Filipowaer wurde von den Amerikanern den Russen, <br>und von diesen den Tschechen \u00fcberstellt, die sie bis Herbst 1946 als Zwangsarbeiter in der <br>Landwirtschaft einsetzten, bevor man sie nach Bayern oder Sachsen abschob.<\/p>\n<p>Von den Einwohnern Filipowas d\u00fcrften sich Mitte Oktober etwa 3800 Personen im Ort selbst <br>aufgehalten haben. Da Filipowa an keiner befestigten Stra\u00dfe lag, zogen weder zur\u00fcckgehende deutsche <br>Einheiten noch vorr\u00fcckende russische Fronteinheiten und Partisanen durch den Ort. Das d\u00fcrfte der <br>Hauptgrund gewesen sein, dass es im Verh\u00e4ltnis zu anderen Gemeinden wenig zu Vergewaltigungen <br>von Frauen und zu Pl\u00fcnderungen kam. Am 21. Oktober zogen zehn Partisanen in Filipowa ein. Da der <br>amtierende B\u00fcrgermeister Georg Eichinger in den letzten Wochen vor dem Einmarsch der Partisanen <br>zum deutschen Milit\u00e4r einger\u00fcckt war, gab es keine ordentliche Gemeindevorstehung. Daher rief <br>Altb\u00fcrgermeister Martin Pertschi die vormaligen &#8222;Geschworenen&#8220; (Gemeinder\u00e4te) zusammen. Diese <br>trugen das Amt des Gemeindevorstehers (Precednik) Josef Held an, der im Ersten Weltkrieg als <br>Freiwilliger auf serbischer Seite gek\u00e4mpft hatte. Polizeikommandant wurde Djoka Lazic, der in den <br>drei\u00dfiger Jahren einige Zeit Polizist in Filipowa gewesen war. In Filipowa wurde aber kein &#8222;Volksbefreiungsausschu\u00df&#8220; (Narodno Oslobodilacki Odbor, abgek. NOO), sondern nur ein &#8222;Ortsausschu\u00df&#8220; (Mesni Odbor) errichtet.<\/p>\n<p>Die Gemeindeverwaltung war fast v\u00f6llig machtlos gegen\u00fcber kleinen Trupps durchziehender Partisanen <br>und Russen. Zwischen dem 26. Oktober und dem 8. November verging fast kein Tag, an dem nicht <br>kleine Trupps russischer Soldaten in das Dorf gekommen w\u00e4ren, um den Bauern ihre Pferde <br>wegzunehmen und ansonsten geschlachtete Schweine, Wein, Schnaps und Uhren mitzunehmen und <br>gelegentlich auch nach Frauen und M\u00e4dchen zu suchen. Es war eine Zeit der Angst.<\/p>\n<p>Mit dem 28. Oktober 1944 begann die Zeit der Robot. Das bedeutete, dass die Arbeitsf\u00e4higen zwischen <br>dem 14. und 60. Lebensjahr stets gew\u00e4rtig sein mussten, zu Arbeitsgruppen zusammengeholt und im <br>Bereich des Ortes zur Einbringung der stehengebliebenen Ernte oder zu Arbeiten im milit\u00e4rischen <br>Bereich periodisch buchst\u00e4blich &#8222;zusammengetrommelt&#8220; zu werden. Die erste Gro\u00dfrobot galt der <br>Instandsetzung des Feldflugplatzes auf der etwa f\u00fcnf Kilometer in Richtung Hodschag gelegenen <br>&#8222;Heuwiese&#8220;. Als die Filipowaer infolge eines sprachlich bedingten Missverst\u00e4ndnisses am 2. November <br>nicht zur Robot auf der Heuwiese erschienen, wurde der 38j\u00e4hrige Landwirt Franz K\u00f6nig, der v\u00f6llig <br>unschuldig war, vom beaufsichtigenden russischen Soldaten und den Partisanen daf\u00fcr verantwortlich <br>gemacht, von einem Milit\u00e4rgericht in kurzem Prozess der Sabotage f\u00fcr schuldig befunden, nach Sombor <br>in das ber\u00fcchtigte Kronic-Palais \u00fcberstellt und im Dezember 1944 hingerichtet. Mit ihm starb auch <br>Melchior Leopold, der in seinem Elternhaus zur\u00fcckgebliebene 16j\u00e4hrige Sohn des Ortsgruppenleiters <br>des &#8222;Volksbundes der Deutschen in Ungarn&#8220;, der offenbar das Opfer einer Art &#8222;Sippenhaft&#8220; wurde.<\/p>\n<p>Ebenfalls noch im November 1944 wurde der 47j\u00e4hrige Landwirt Martin Rapp von Partisanen <br>verschleppt und vermutlich noch im selben Monat in Sombor liquidiert. Rapp war ein schlichter, <br>unpolitischer Dorfbewohner gewesen. Kein Filipowaer konnte sich vorstellen, was der ungl\u00fcckliche <br>Mann verbrochen haben sollte.<\/p>\n<p>Am 5. November mussten alle Radioapparate, Fahrr\u00e4der, Motorr\u00e4der und Feuerwehrmonturen <br>abgeliefert werden. Am 10. November wurde die 36j\u00e4hrige B\u00e4uerin Eva Eichinger vor dem Pfarrhaus <br>&#8222;standrechtlich&#8220; erschossen. In der vorangegangenen Nacht war ein junger Partisanenoffizier bei ihr <br>einquartiert gewesen. Anderntags wurde bei ihr eine Hausdurchsuchung vorgenommen, bei der <br>angeblich einige Gewehrpatronen gefunden wurden. Wahrscheinlich war es die Rache daf\u00fcr, dass sie <br>dem Offizier nicht zu Willen gewesen war.<\/p>\n<p>Am 25. November 1944 verk\u00fcndete der Ausrufer im Dorf, alle M\u00e4nner und Burschen zwischen 16 und <br>60 Jahren sollten sich im Gemeindeamt melden. Bis gegen 9 Uhr fanden sich etwa 300 von ihnen beim <br>Gemeindehaus ein. Schon am Vortag war eine Abteilung Partisanen, die angeblich der &#8222;Krajiska <br>brigada&#8220; angeh\u00f6rte, in das Dorf gekommen. Die schwerbewaffneten Partisanen und Partisaninnen <br>w\u00e4hlten 212 M\u00e4nner und Burschen willk\u00fcrlich aus, schrieben sie auf eine Liste und trieben sie dann in <br>Richtung Hodschag auf einen Sallasch (Einzelgeh\u00f6ft), der Josef Roth, dem letzten B\u00fcrgermeister von <br>Hodschag geh\u00f6rte. Berichte von Augenzeugen, die sp\u00e4ter bekannt wurden, ergeben, dass viele von den <br>M\u00e4nnern und Burschen zuerst gefoltert wurden, bevor sie sich ausziehen mussten, um dann zu den <br>Gruben getrieben zu werden, in denen vormals Fliegerabwehrgesch\u00fctze gestanden waren. Die meist <br>betenden M\u00e4nner wurden erstochen oder erschossen, hierauf in die Gruben geworfen und d\u00fcrftig mit <br>Erde bedeckt.<\/p>\n<p>Es gibt einen gutbezeugten Bericht, wonach sich das aus altgedienten Partisanen bestehende Kommando <br>vor seinem Einsatz in Filipowa mit 50 Wojwodiner Serben, Bunjewatzen, Slowaken und Ungarn <br>verst\u00e4rkt hatte. Die Wojwodiner weigerten sich, als man auf dem Roth-Sallasch angekommen war, bei <br>der Folterung und beabsichtigten Exekution der Filipowaer M\u00e4nner mitzumachen. Eine R\u00fcckfrage beim <br>Kommando in Hodschag ergab den Befehl, die Dienstverweigerer seien sofort abzuziehen. Soweit uns <br>ersichtlich, fanden in der Batschka nach dem 25. November 1944 keine Massenerschie\u00dfungen von <br>Donauschwaben mehr statt.<\/p>\n<p>Die ermordeten Filipowaer stammen aus s\u00e4mtlichen im Ort vertretenen beruflichen und sozialen <br>Gruppen; 35 von ihnen waren Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren. Unter den 112 M\u00e4nnern zwischen <br>zwanzig und f\u00fcnfzig Jahren fanden sich mehrere V\u00e4ter von Familien mit zehn und mehr Kindern. Da <br>auch der Gemeindearzt Dr. Franz Dickmann, der aus Filipowa stammende Arzt Dr. Johann Engert und <br>auch der Apotheker Magister Ludwig Vogl zu den Opfern z\u00e4hlten, blieb der Ort fortab ohne <br>fachmedizinische Versorgung. Die Ermordung dieser M\u00e4nner stellt einen reinen Terrorakt dar, da von <br>keinem der Ermordeten gesagt werden kann, er habe sich etwas gegen den jugoslawischen Staat oder <br>seine B\u00fcrger zuschulden kommen lassen.<\/p>\n<p>Am Weihnachtstag 1944 wurden 24 M\u00e4nner zwischen 17 und 45 Jahren sowie 85 Frauen zwischen 18 <br>und 30 Jahren, insgesamt also 109 Personen, zusammengeholt und nach Apatin \u00fcberstellt; das gleiche <br>geschah am 27. Dezember mit weiteren 30 M\u00e4nnern und 100 Frauen. Beide Gruppen, insgesamt 239 <br>Personen, wurden Anfang Januar einwaggoniert und in die Ukraine zur Zwangsarbeit deportiert. Die <br>erste Gruppe kam nach Iwanowka bei Charkow in das Lager 1551, die zweite in das Lager Bakowa\u0002Antrazit Nr.1201 im Gebiet von Woroschilowgrad. Die erste Gruppe musste Wald- und Fabrikarbeit leisten, w\u00e4hrend die zweite in den Kohlengruben und auf den Kolchosen eingesetzt wurde. Von den 239 Deportierten verstarben bis 1949 28 M\u00e4nner und 25 Frauen, insgesamt also 53 Personen bzw. 22 Prozent, haupts\u00e4chlich an Hunger und Entkr\u00e4ftung. Die letzten von ihnen wurden im November 1949 <br>nach Frankfurt a. d. Oder transportiert und hier entlassen.<\/p>\n<p>Auch in den ersten drei Monaten des Jahres 1945 wurden in Filipowa Arbeitsgruppen ausgehoben und <br>in die Arbeitslager umliegender Batschkaer Gemeinden verbracht. So ging um den 20. Januar 1945 eine <br>Gruppe von M\u00e4nnern und Burschen in das Bezirksarbeitslager Hodschag. Um den 10. Februar wurden <br>an die 20 Mann nach Karawukowa und 21 Mann nach Batsch Brestowatz abkommandiert. Am 12. M\u00e4rz <br>gingen an die 200 Filipowaer ab dem 14. Lebensjahr, zum Gro\u00dfteil Frauen und M\u00e4dchen, auf <br>Zwangsarbeit und wurden vom Zentrallager Sombor aus auf Arbeitslager in der Nordwestbatschka <br>aufgeteilt. Sie alle waren bei der zwangsweisen Totalinternierung aller Filipowaer nicht mehr im Dorf. <br>Am 14. M\u00e4rz 1945 wurden rund 1200 Donauschwaben aus der Gemeinde Karawukowa und am 16. <br>sowie 17. M\u00e4rz rund 2500 Donauschwaben aus Batsch-Sentiwan nach Filipowa getrieben und hier in <br>die H\u00e4user eingewiesen. Am Karsamstag, dem 31. M\u00e4rz 1945, umzingelten etwa 200 Partisanen das <br>Dorf und trieben innerhalb zweier Stunden alle deutschen Ortsbewohner und die bereits Vertriebenen <br>aus Karawukowa und Batsch-Sentiwan auf die Hutweide. Hier wurden etwa 500 Arbeitsf\u00e4hige <br>herausgesucht und in das Arbeitslager Filipowa eingewiesen, das aus einigen gr\u00f6\u00dferen H\u00e4usern bestand. <br>Sie mussten in der Folge die H\u00e4user ausr\u00e4umen und das Vieh versorgen. Die \u00fcbrigen rund 7000 <br>Personen, meist Alte, Arbeitsunf\u00e4hige und Kranke sowie M\u00fctter mit Kindern unter zwei Jahren, mussten <br>den Karsamstag und den Ostersonntag 1945, also zwei Tage und zwei N\u00e4chte, auf der Stra\u00dfe und in den <br>H\u00f6fen der H\u00e4user verbringen, ehe sie am Ostermontag an die Bahnstation getrieben und mit <br>G\u00fcterwaggons in das eben errichtete Gebietskonzentrationslager Gakowa verbracht wurden.<\/p>\n<p>Bei der Einwaggonierung am 2. April 1945 wurden drei Filipowaer erschossen. Jakob Ament (Jg. 1881) <br>schlich sich heimlich nach Hause, um sich mit dem N\u00f6tigsten zu versorgen. Einer der Partisanen merkte <br>es und schoss ihn sofort nieder. \u00c4hnlich erging es dem Landwirt Franz Pertschy (Jg. 1903). Er wollte <br>sich aus der Kolonne der Zusammengetriebenen heimlich entfernen, wurde aber dabei gesehen und <br>sofort erschossen. Magdalena Hoffmann, geb. Eichinger, stand im 90. Lebensjahr und konnte das Haus, <br>in dem ein Teil der Ausgetriebenen \u00fcbernachtet hatte, nicht schnell genug verlassen. Sie wurde auf der <br>Hausstiege durch drei Sch\u00fcsse niedergestreckt.<\/p>\n<p>Den Armen Schulschwestern unserer Lieben Frau, die in Filipowa ein Kloster besa\u00dfen und einen <br>Gro\u00dfteil der Volksschulm\u00e4dchen unterrichtet hatten, gelang es, da sie, gleich allen Ordensfrauen in der <br>Batschka, nicht ins Lager mussten, im Kloster ein Notspital zu errichten, das 66 Tage hindurch von den <br>Partisanen toleriert wurde und bis zu 70 Kranke gleichzeitig beherbergte. Am 4. Juni wurde das <br>Notspital pl\u00f6tzlich aufgel\u00f6st. Die Kranken wurden ohne R\u00fccksicht auf ihren Zustand nach Gakowa <br>\u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Als der Haupttransport vom 2. April 1945 aus Filipowa in Gakowa eintraf, wurden sofort 50 M\u00e4nner <br>und Burschen ausgesondert. Meist handelte es sich um M\u00e4nner, die \u00fcber sechzig Jahre alt waren. Unter <br>ihnen befanden sich auch 17 Filipowaer. Man verbrachte sie nach Sombor, von wo am 15. April 1945 ein <br>Transport von 428 Mann aus der Batschka nach Syrmisch Mitrowitz (Sremska Mitrovica) abgefertigt <br>wurde. Bis Neusatz ging es in G\u00fcterwaggons, die \u00fcbrige Strecke wurden die M\u00e4nner ohne R\u00fccksicht<br>auf Alter und Schuhwerk zu Fu\u00df getrieben. Wer zehn, zwanzig Schritte zur\u00fcckblieb, wurde von den <br>Partisanen totgeschlagen oder erschossen. Von Mitrowitz aus wurden die M\u00e4nner zur Wiederherstellung <br>der zerst\u00f6rten Eisenbahnlinie Belgrad-Slawonisch Brod in Marsch gesetzt &#8211; dieser Eisenbahnbau geh\u00f6rt <br>zu den schrecklichsten Kapiteln der donauschw\u00e4bischen Passion. In Jankovci, in der N\u00e4he von <br>Vinkovci, trafen die Partisanen &#8222;Vergeltungsma\u00dfnahmen&#8220;, wie sie ihre mutwilligen Mordtaten nannten. <br>Sie holten wahllos Opfer aus den Zwangsarbeitern, diese mussten sich ihr Grab schaufeln und wurden <br>dann hineingeschossen. Am 7. Mai 1945 fiel dieser Mordaktion der 15j\u00e4hrige Filipowaer Josef Keller <br>zum Opfer. Auch Peter Garatva, Vater von sieben Kindern, Gro\u00dfvater und Urgro\u00dfvater, wurde mit <br>seinen 77 Jahren nach Jankovci verschleppt. Als er infolge der schweren Arbeit und des Hungers v\u00f6llig <br>ersch\u00f6pft war, kam er in das ber\u00fcchtigte Lager nach Mitrowitz (Sremska Mitrovica). Hier wurde er nach <br>Bericht eines Kerneier Augenzeugen von Partisanen erschlagen.<\/p>\n<p>Ende Juni bis Mitte Oktober 1945 diente ein Teil der Filipowaer H\u00e4user in der B\u00f6hmengasse auch als <br>Bezirkskonzentrationslager f\u00fcr die nicht zum Arbeitseinsatz verwendeten Deutschen haupts\u00e4chlich der <br>Gemeinden des Hodschager Bezirkes. So kamen am 18. Juni die Hodschager, am 22. Juni die <br>Parabutscher und am 26. Juni die Miletitscher nach Filipowa. Es waren aber unter den 1500 Insassen <br>des Lagers auch Deutsche aus Batsch, Deronje, Wajska und Sonta. Mangels Medikamenten und <br>\u00e4rztlicher Betreuung traten Malaria und Ruhr in epidemischer Form auf, so dass bis zu der am 17. <br>Oktober 1945 durchgef\u00fchrten \u00dcberf\u00fchrung der Insassen des Lagers nach Gakowa und Kruschiwl etwa <br>250 Personen verstarben, innerhalb von vier Monaten also nahezu 17 Prozent der Insassen!<\/p>\n<p>Das Arbeitslager Filipowa hatte schon im Januar 1945 mit der Internierung Filipowaer M\u00e4nner in der <br>Neuen Volksschule seinen Anfang genommen. Es wurde bei der Vertreibung auf etwa 600 Arbeitsleute, <br>M\u00e4nner und Frauen haupts\u00e4chlich aus Filipowa, zudem aber auch aus Karawukowo und Sentiwan, <br>erweitert. Eine Gruppe musste in der M\u00fchle und in den Hanffabriken arbeiten, eine weitere war mit der <br>R\u00e4umung der H\u00e4user betraut, wobei Magazine f\u00fcr die Nahrungsmittel, die M\u00f6bel und die W\u00e4sche, sowie <br>kollektive Stallungen f\u00fcr die Rinder, Pferde und das Kleinvieh eingerichtet werden mussten, w\u00e4hrend <br>eine dritte Gruppe mit der Bearbeitung der Felder des Filipowaer Hotters beauftragt wurde, womit <br>gewisserma\u00dfen schon die Kolchosenwirtschaft eingeleitet war. Diese wirtschaftliche T\u00e4tigkeit <br>unterstand ab Kriegsende der Uprava Narodnih Dobara (Verwaltung volkseigener G\u00fcter). Ein Teil der <br>Kleider, der W\u00e4sche und Haushaltsger\u00e4te wurde zu billigen Preisen an die Magyaren und Slawen der <br>umliegenden D\u00f6rfer verkauft. So entwickelte sich f\u00fcr einige Wochen eine Verramschung <br>donauschw\u00e4bischen Besitzes, den der Volksmund bald nur mehr &#8222;Hitler-Markt&#8220; &#8211; &#8222;Hitler-Vasar&#8220; (Hitler\u0002Waschar) &#8211; nannte.<\/p>\n<p>Da\u00df die Zwangsarbeiter im Grunde rechtlose Sklaven waren, verdeutlicht eine Episode aus dem <br>Arbeitslager Filipowa. \u00dcber Nacht waren in dem Haus, in dem man s\u00e4mtliche Kaninchen <br>zusammengeholt hatte, mehr als hundert Tiere eingegangen. Die Umst\u00e4nde deuten darauf hin, dass sie <br>versehentlich nasses Gras zu fressen bekommen hatten, so dass die Tiere an Bl\u00e4hungen eingingen. Eine <br>aus Hodschag angereiste Kommission des dortigen Milit\u00e4rgerichtes &#8211; ihr Wortf\u00fchrer war ein <br>deutschsprechender Jude namens Obrad &#8211; ging von der Annahme der Sabotage aus und sah in den <br>Lagerkutschern die Hauptverd\u00e4chtigen. Man unterzog jeden einzelnen einem strengen Verh\u00f6r. Da sich <br>alle unschuldig wussten und kein Saboteur namhaft gemacht werden konnte, w\u00e4hlte die Kommission <br>aus der Lagerbelegschaft Stefan Eichinger (Jg. 1920), Valentin Gau\u00df (Jg. 1913), beide aus Filipowa, <br>ferner den aus Batsch-Sentiwan stammenden Lagerkoch und einen weiteren Mann aus und lie\u00df sie noch <br>in derselben Nacht (17. Juni 1945) erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Anfang Juli 1945 verungl\u00fcckte der Gemeindevorsteher Josef Held mit dem von einem Filipowaer <br>Schlosser gebastelten Motorwagen und erlag einige Tage sp\u00e4ter im Krankenhaus Sombor seinen <br>Verletzungen. Seine Amtszeit hatte acht Monate gedauert und seinen Landsleuten keine Vorteile <br>gebracht. Was ihn bewogen haben mag, durch seine Unterschrift die v\u00f6llig haltlose Anschuldigung zu best\u00e4tigen, die 212 im November 1944 ermordeten Filipowaer seien durchwegs &#8222;Faschisten&#8220; gewesen, <br>wird wohl f\u00fcr immer ein R\u00e4tsel bleiben.<\/p>\n<p>Ab November 1945 wurde sporadisch damit begonnen, sogenannte Kolonisten in die leerstehenden <br>H\u00e4user einzuweisen. Die planm\u00e4\u00dfige Besiedlung Filipowas mit Serben aus der Lika setzte 1946 ein. Im <br>Zuge der neuen kollektivistischen Staatsdoktrin wurden die &#8222;Litschaner&#8220; verhalten, sich im Fr\u00fchjahr <br>1946 in acht Kolchosen zusammenzuschlie\u00dfen. Landwirtschaftlich erfahrene Lagerinsassen mussten die <br>Neuank\u00f6mmlinge mit der intensiven Form der pannonischen Landwirtschaft vertraut machen. Nachdem <br>dies einigerma\u00dfen geschehen war, wurden die Lagerarbeiter gruppenweise nach Gakowa und Kruschiwl <br>verbracht und das Filipowaer Arbeitslager aufgel\u00f6st. Ende 1946 hatte das alte Filipowa somit aufgeh\u00f6rt <br>zu bestehen.<\/p>\n<p>Anfang Juni 1948 wurde Pfarrer Peter M\u00fcller, der mit seinen vormaligen Pfarrangeh\u00f6rigen in regem <br>Briefverkehr stand, verhaftet und zu mehreren Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Im Zuge der Versch\u00e4rfung <br>der antireligi\u00f6sen Politik des Regimes mussten im August 1948 auch die Schulschwestern ihr Kloster <br>r\u00e4umen. Sie und die nach Aufl\u00f6sung der Lager und nach Ableistung der dreij\u00e4hrigen Arbeits-Zwangsverpflichtung etwa 25 in Filipowa lebenden vormaligen deutschen Ortsbewohner verlie\u00dfen Jugoslawien bis 1957.<\/p>\n<p>Haupts\u00e4chlich in den beiden Todeslagern Gakowa und Kruschiwl sind zwischen dem 2. April 1945 und <br>dem 1. M\u00e4rz 1948 833 Personen aus Filipowa verhungert oder an Krankheiten verstorben. Opfer der <br>Bettelg\u00e4nge wurden vier Dorfbewohner: Theresia H\u00f6nich (Jg. 1921), Anna Welsch (Jg. 1922), Anna <br>Schmidt (Jg. 1913) und Josef Leicht (Jg. 1893). Sie wurden von den Wachen gefasst, als sie mit den <br>erbettelten Lebensmitteln in das Lager zur\u00fcck gelangen wollten. Sie wurden in den ber\u00fcchtigten Keller <br>geworfen und derart gefoltert, da\u00df sie kurz nach ihrer Entlassung aus dem Keller verstarben. Martin <br>Rack wurde beim Versuch, das Lager zu verlassen, um Kleidungsst\u00fccke f\u00fcr Lebensmittel einzutauschen, <br>ertappt und in das Kommando gebracht. Der Vater von f\u00fcnf Kindern floh aus der Lagerkommandantur <br>und wurde auf offener Stra\u00dfe niedergeschossen. Elisabeth Wurtzky (Jg. 1885) besuchte am 5. Januar <br>1946 verbotenerweise die Messe in der Gakowaer Kirche. Partisanen drangen w\u00e4hrend des <br>Gottesdienstes in die Kirche ein und verhafteten die Anwesenden. Die 61j\u00e4hrige Frau wurde unmittelbar <br>darauf zu einem der Massengr\u00e4ber gef\u00fchrt und hingerichtet.<\/p>\n<p>Nebst den 833 Lageropfern und den 53 Opfern der Russlandverschleppung starben auf der Flucht vor <br>der anr\u00fcckenden Roten Armee, ferner auf der Flucht aus den Lagern nach Ungarn, \u00d6sterreich und <br>Deutschland sowie an anderen unmittelbaren Fluchtfolgen bis 1948 57 Personen. An verschiedenen <br>Orten erschossen oder erschlagen wurden 24 Personen; zwei Zivilpersonen gelten als vermisst. <br>Zusammen mit den 212 Opfern des 25. November 1944 und den gefallenen sowie vermissten Soldaten <br>verlor die Gemeinde insgesamt 1413 Personen, das sind nahezu 27 Prozent der Bewohnerschaft.<\/p>\n<p>Rechnet man 900 Soldaten, 510 Ausgewanderte, 240 Russlandverschleppte und 220 Ermordete weg, so <br>d\u00fcrften mit 31. M\u00e4rz 1945 an die 3400 bis 3500 Bewohner von Filipowa in Lagern interniert gewesen <br>sein. Rechnet man zu den 833 Lageropfern noch etliche der Erschlagenen und Fluchtopfer hinzu, darf <br>man an die 860 Personen als Opfer der Lagerinternierung ansehen. Folglich verstarben in den Lagern <br>rund 25 Prozent der etwa 3500 Internierten. Rechnet man f\u00fcr Gakowa und Kruschiwl mit etwa 3000 <br>Internierten aus Filipowa und mit etwa 840 Opfern, dann betr\u00e4gt die Verlustrate in diesen beiden <br>Todeslagern rund 28 Prozent. Im Herbst 1944 kamen sch\u00e4tzungsweise 3800 Filipowaer unter die <br>Herrschaft der Partisanen. Von diesen wurden ermordet oder verstarben in den Lagern, die Opfer der <br>Russlanddeportation eingeschlossen, 1118 Personen. Die Verlustrate der Daheimgebliebenen betr\u00e4gt <br>demnach 31 Prozent.<\/p>\n<p>Von den heimatvertriebenen und gefl\u00fcchteten Filipowaern wurden gut eintausend in \u00d6sterreich, gut <br>zweitausend in Deutschland, einige hundert in den USA und Kanada sesshaft. In Ungarn verblieb ein <br>schwaches Hundert. Es besteht seit 1965 eine organisierte Heimatortsgemeinschaft und eine <br>l\u00e4nder\u00fcbergreifende Zusammenarbeit zwischen den haupts\u00e4chlichen Siedlungszentren Wien, Linz, <br>M\u00fcnchen, Stuttgart und der Pfalz.<\/p>\n<p>Verfasser: Georg Wildmann und Josef Pertschi<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht in: Arbeitskreis Dokumentation, Leidensweg der Deutschen im kommunistischen <br>Jugoslawien, Band I, Ortsberichte, M\u00fcnchen\/Sindelfingen 1991, 473-480. Wortident auch in: Verlag <br>Universitas, Wei\u00dfbuch der Deutschen aus Jugoslawien, M\u00fcnchen 1992, 473-480.<\/p>\n<p><br><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p><br>Anton Zollitsch, Filipowa. Entstehen, Wachsen und Vergehen einer donau-schw\u00e4bischen Gemeinde in <br>der Batschka. Pannonia, Freilassing 1957.<\/p>\n<p>Paul Mesli\/Franz Schreiber\/Georg Wildmann, Filipowa &#8211; Bild einer donauschw\u00e4bischen Gemeinde. <br>Sechster Band: Kriegs- und Lageropfer, Eigenverlag, Wien 1985. Siehe auch bei denselben Autoren <br>Siebter Band: Filipowa weltweit, Wien 1992, S. 25-44; sowie Achter Band: Filipowa 1914-1944, Wien <br>1999, 265-296.<\/p>\n<p>Erlebnisberichte mehrerer Autoren, ver\u00f6ffentlicht in den seit 1961 laufend erscheinenden &#8222;Filipowaer <br>Heimatbriefe&#8220;. Herausgeber: Verein der Filipowaer Ortsgemeinschaft in \u00d6sterreich, Steingasse 25, A-1030 Wien.<\/p>\n<p>Bundesministerium f\u00fcr Vertriebene, Fl\u00fcchtlinge und Kriegsgesch\u00e4digte (Hrsg.) Dokumentation der <br>Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bd. V: Das Schicksal der Deutschen in Jugoslawien <br>(abgek.: Dok. V), 261-273, 319-337, 414-441, 626-633.<\/p>\n<p>Unver\u00f6ffentl. Berichte: Eva Eichinger, geb. Pramberger (Jg. 1911); Anna Perts<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vertreibung aus Filipowa Dokumentation von Dr. Georg Wildmann Vor Beginn des Jugoslawienkrieges 1941 wurden vier f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten der Ortsgruppe des Schw\u00e4bisch-Deutschen Kulturbundes von den jugoslawischen Beh\u00f6rden als Geiseln in die FestungPeterwardein verschleppt; in anderen Orten vergleichbarer Gr\u00f6\u00dfe lag die Zahl der Geiseln meist h\u00f6her. 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